Ökonomischer Gedanke der Woche
Ein höherer Zins kann die Nachfrage nach Öl dämpfen. Er kann aber kein zusätzliches Öl fördern. Genau an diesem Unterschied beginnt eine saubere Inflationsanalyse.
Wenn in den Nachrichten von „Inflation“ die Rede ist, klingt es häufig so, als gäbe es nur eine Krankheit mit nur einer Medizin. Die Preise steigen – also müsse die Zentralbank die Zinsen erhöhen. Diese Logik ist verführerisch einfach. Sie übersieht jedoch, dass Preise aus sehr unterschiedlichen Gründen steigen können. Wer die Ursache nicht versteht, kann auch die Wirkung des Gegenmittels nicht richtig beurteilen.
Beginnen wir mit einem alltäglichen Beispiel. Stellen Sie sich einen Wochenmarkt vor, auf dem normalerweise hundert Kisten Äpfel angeboten werden. Plötzlich zerstört ein Unwetter einen Teil der Ernte, und es kommen nur noch sechzig Kisten auf den Markt. Die Menschen möchten weiterhin ungefähr gleich viele Äpfel kaufen. Was passiert? Der Preis steigt. Nicht, weil plötzlich „zu viel Geld“ da ist, sondern weil weniger Äpfel vorhanden sind. Der höhere Preis ist zunächst eine Information: Äpfel sind knapper geworden.
Übertragen auf die Weltwirtschaft sind Öl, Gas, Strom, Transportkapazitäten und Raffinerien solche knappen Güter. Wird eine Pipeline beschädigt, fällt eine Raffinerie aus oder wird ein wichtiger Seeweg riskanter, sinkt das effektiv verfügbare Angebot. Der Preis steigt, damit die knappe Menge neu verteilt wird und damit sich Produktion, Verbrauch und Investitionen anpassen. Dieser Preisanstieg ist schmerzhaft, aber er erfüllt eine Funktion.
Das ist angebotsinduzierte Teuerung. Die Ursache liegt auf der Angebotsseite: Ein Gut wird seltener, seine Herstellung teurer oder sein Transport schwieriger. Die gesamte Volkswirtschaft muss darauf reagieren. Ein Transportunternehmen zahlt mehr für Diesel. Ein Chemiekonzern mehr für Gas. Ein Landwirt mehr für Dünger. Eine Familie mehr fürs Tanken und Heizen. Nach und nach kann der ursprüngliche Energiepreisschock weitere Preise berühren.
Nun das Gegenbeispiel. Stellen Sie sich vor, auf unserem Wochenmarkt stehen weiterhin hundert Kisten Äpfel. Gleichzeitig bekommen die Besucher unerwartet deutlich mehr verfügbares Einkommen oder zusätzlichen Kredit und möchten nun zusammen hundertfünfzig Kisten kaufen. Das Angebot hat sich nicht verändert, aber die Nachfrage ist größer geworden. Auch jetzt steigt der Preis – diesmal jedoch aus einem anderen Grund.
Das ist nachfrageinduzierte Teuerung. Zu viel nominale Kaufkraft trifft kurzfristig auf eine begrenzte Produktionskapazität. In diesem Fall liegt die klassische Logik einer Zinserhöhung näher: Kredite werden teurer, Anschaffungen werden verschoben, Investitionen genauer geprüft, Vermögenspreise werden weniger unterstützt und die Nachfrage kühlt ab. Weniger Nachfrage nimmt Druck von den Preisen.
Bei einem Angebotsschock funktioniert dieser Mechanismus anders. Wenn Öl fehlt, erhöht ein höherer Leitzins die Fördermenge nicht. Er baut keine Pipeline, produziert keine Tanker und erweitert keine Raffinerie. Im Gegenteil: Sehr hohe Finanzierungskosten können langfristige Investitionen in zusätzliche Kapazitäten sogar erschweren. Deshalb wäre es falsch zu behaupten, eine Zentralbank könne den ursprünglichen Energieschock durch Zinsen beseitigen.
Warum erhöht die Fed dann überhaupt die Zinsen? Weil eine Zentralbank nicht nur auf den ersten Preissprung schaut. Sie beobachtet, ob daraus eine zweite Dynamik entsteht. Ökonomen sprechen von Zweitrundeneffekten. Der Begriff klingt kompliziert, meint aber etwas Einfaches: Der erste Preis steigt aus einem realen Grund. Danach beginnen Unternehmen, Arbeitnehmer und Haushalte, dauerhaft höhere Inflation einzuplanen. Preise, Löhne, Margen und Verträge werden vorsorglich angepasst. Aus einem einzelnen Knappheitssignal kann so ein breiterer, selbstverstärkender Prozess werden.
Genau hier wird die aktuelle US-Lage interessant. Der jüngste Inflationsdruck ist stark energiegeprägt: Im August stiegen die US-Energiepreise deutlich, Benzin allein legte im Monatsvergleich um 3,9 % zu. Gleichzeitig blieb die Kerninflation – also die Teuerung ohne die stark schwankenden Bereiche Energie und Lebensmittel – mit 2,4 % im Jahresvergleich deutlich niedriger als die Gesamtinflation. Das spricht gegen die simple Behauptung, jeder Teil des Preisauftriebs sei gleichermaßen monetär verursacht.
Aber die Nachfrage ist eben auch nicht schwach. Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen im August um 1,2 % gegenüber dem Vormonat. Die Fed beschreibt den Konsum als widerstandsfähig. Damit trifft ein realer Angebotsschock auf eine Volkswirtschaft, in der Haushalte und Unternehmen noch genügend Nachfragekraft besitzen, höhere Preise teilweise zu akzeptieren. Das erhöht das Risiko, dass der Schock nicht nur relativ bleibt, sondern sich breiter fortsetzt.
Die Österreichische Schule liefert für diesen Unterschied eine besonders hilfreiche Perspektive. Für Carl Menger, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek sind Preise keine bloßen Zahlen, die eine Behörde möglichst stabil halten sollte. Preise sind Informationen. Sie koordinieren Millionen einzelner Entscheidungen darüber, was knapp ist, was dringend gebraucht wird und wo sich zusätzliche Produktion lohnt.
Steigt der Ölpreis, weil weniger Öl verfügbar oder sein Transport riskanter ist, dann verändert sich ein relativer Preis. Öl wird im Verhältnis zu anderen Gütern teurer. Das ist ökonomisch etwas anderes als ein allgemeiner Kaufkraftverlust des Geldes. In der Realität können beide Phänomene gleichzeitig auftreten – und genau deshalb ist die Unterscheidung so wichtig.
Der relative Preisanstieg sagt: „Energie ist knapper geworden. Spare sie dort ein, wo sie weniger wichtig ist. Suche nach Alternativen. Investiere in zusätzliche Kapazität.“ Wer diesen Preis politisch oder monetär vollständig neutralisieren wollte, würde die Information dämpfen, die zur Anpassung notwendig ist. Wenn der Staat oder die Zentralbank versucht, jeden Kaufkraftverlust sofort durch zusätzliche nominale Nachfrage auszugleichen, bleibt das reale Problem trotzdem bestehen: Es gibt nicht mehr Energie. Es gibt nur mehr Geld, das um dieselbe knappe Menge konkurriert.
Hier liegt eine zentrale Austrian-Economics-Kritik an der Vorstellung, reale Verluste ließen sich monetär wegorganisieren. Eine Volkswirtschaft kann ärmer werden, weil reale Ressourcen zerstört oder knapper werden. Dieser Verlust muss irgendwo getragen werden. Man kann ihn verteilen, zeitlich verschieben oder durch neue Produktion später überwinden – aber man kann ihn nicht mit einem Buchungssatz ungeschehen machen.
Das heißt umgekehrt nicht, dass jede Zinserhöhung sinnlos oder jede Inflation ausschließlich ein Angebotsproblem wäre. Auch aus einer marktwirtschaftlichen Perspektive muss man fragen, wie sich Geld und Kredit entwickeln und ob zusätzliche nominale Nachfrage die Preisstruktur überlagert. Wenn eine Zentralbank nach einem Angebotsschock sehr expansiv bleibt, obwohl die Nachfrage robust ist, kann sie dazu beitragen, dass aus einem relativen Preisschock ein allgemeinerer Kaufkraftverlust wird.
Die sauberste Formulierung lautet deshalb: Geldpolitik kann die reale Knappheit nicht heilen. Sie kann aber beeinflussen, wie stark sich diese Knappheit in der gesamten nominalen Nachfrage, in Inflationserwartungen und in Zweitrundeneffekten fortsetzt.
Genau dieser Unterschied trennt gute Analyse von Reflexen. „Inflation hoch, Zinsen hoch“ ist keine Erklärung. Wir müssen fragen: Welcher Preis steigt? Warum steigt er? Was ist real knapper geworden? Wie stark ist die Nachfrage? Werden Löhne und andere Preise bereits angepasst? Und wie verändern Geld, Kredit und Erwartungen den ursprünglichen Schock?
Für Anleger ist das mehr als Theorie. Bei nachfragegetriebener Inflation können höhere Zinsen Wachstum und Unternehmensgewinne bremsen, während der ursprüngliche Angebotsspielraum intakt bleibt. Bei angebotsgetriebener Inflation geraten dagegen Margen, Transportkosten und reale Kaufkraft unter Druck. Energieimporteure leiden stärker als Exporteure. Unternehmen mit Preissetzungsmacht stehen besser da als solche mit dünnen Margen. Lange Duration wird durch höhere Zinsen belastet. Gold, reale Vermögenswerte und Liquidität können andere Funktionen erfüllen als in einer gewöhnlichen Konjunkturabkühlung.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: „Wie hoch ist die Inflation?“ Sondern: „Welche Knappheit, welche Nachfrage und welches Geld stehen hinter dieser Zahl?“
Philosophischer Gedanke der Woche
Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben vernünftiger Politik, zwischen dem zu unterscheiden, was wir gestalten können, und dem, was wir zunächst als Realität anerkennen müssen.
Ökonomische Debatten über Inflation wirken auf den ersten Blick technisch: Leitzins, Geldmenge, Energieangebot, Nachfrage, Erwartungen. Dahinter liegt jedoch eine tief philosophische Frage: Wie gehen Menschen und Institutionen mit Grenzen um?
Unsere Zeit ist geprägt von einer erstaunlichen Fähigkeit zur Gestaltung. Wir bauen globale Lieferketten, erzeugen Energie aus unterschiedlichsten Quellen, verändern Produktionsprozesse mit Software und künstlicher Intelligenz und bewegen Kapital innerhalb von Sekunden um die Welt. Diese Fähigkeiten nähren eine verständliche Erwartung: Für jedes Problem müsse es einen Hebel geben, den jemand nur entschlossen genug bedienen müsse.
Aber manche Probleme sind keine Steuerungsfehler. Sie sind Ausdruck von Knappheit. Wenn weniger Öl durch einen Seeweg gelangt, wenn eine Pipeline beschädigt ist oder wenn Raffineriekapazität fehlt, dann existiert zunächst eine materielle Grenze. Diese Grenze verschwindet nicht dadurch, dass wir sie politisch unerwünscht finden.
Die Stoiker hätten diesen Unterschied sofort verstanden. Epiktet beginnt seine Ethik mit einer einfachen Trennung: Manche Dinge stehen in unserer Macht, andere nicht. Das bedeutet nicht Passivität. Es bedeutet, die eigene Energie dort einzusetzen, wo Handeln tatsächlich etwas verändern kann. Wer das Unverfügbare mit dem Verfügbaren verwechselt, verliert zuerst Klarheit und dann Handlungsfähigkeit.
Auf eine Energieknappheit übertragen heißt das: Wir können neue Kapazitäten bauen. Wir können Verbrauch anpassen. Wir können alternative Energiequellen entwickeln, Lieferwege diversifizieren, Lagerbestände aufbauen und technologische Innovation fördern. All das liegt zumindest teilweise in menschlicher Gestaltungsmacht. Was wir nicht können, ist eine heute fehlende physische Menge durch einen Zinssatz morgen früh erscheinen zu lassen.
Gerade darin liegt eine Gefahr, die man als Hybris der Steuerbarkeit bezeichnen kann. Hybris bedeutet nicht einfach Arroganz. In der griechischen Tradition bezeichnet sie die Überschreitung menschlicher Grenzen – den Glauben, man könne sich über Bedingungen hinwegsetzen, die sich dem eigenen Willen entziehen. In moderner Form zeigt sie sich, wenn wir ein reales Problem behandeln, als wäre es nur eine falsche Zahl auf einem politischen Armaturenbrett.
Natürlich brauchen Gesellschaften Institutionen, die handeln. Zentralbanken, Regierungen und Unternehmen dürfen sich nicht hinter dem Satz verstecken, etwas sei „nicht steuerbar“. Aber verantwortliches Handeln beginnt damit, die Art des Problems korrekt zu benennen. Wer Knappheit mit Nachfrage verwechselt, kann zwar Aktivität zeigen und dennoch am Problem vorbeihandeln.
Kant ergänzt diese stoische Nüchternheit um einen zweiten Gedanken: Vernunft verlangt, dass unser Handeln sich an Prinzipien orientiert, die der Wirklichkeit standhalten. Der Mensch ist für Kant kein Wesen, das durch bloßen Wunsch die Welt verändert. Freiheit bedeutet gerade nicht Willkür. Sie bedeutet, vernünftig nach selbstgegebenen Regeln zu handeln und die Konsequenzen des eigenen Handelns zu verantworten.
Auf Wirtschaftspolitik übertragen entsteht daraus eine unbequeme Forderung: Wenn ein realer Verlust eingetreten ist, darf Politik nicht so tun, als könne niemand diesen Verlust tragen müssen. Steigt der Preis knapper Energie, sinkt zunächst die reale Kaufkraft anderer Einkommen. Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht gleichzeitig dieselbe Menge Energie verbrauchen, dieselbe Menge anderer Güter kaufen und so tun, als sei nichts geschehen. Irgendwo muss eine Anpassung stattfinden.
Das ist politisch unangenehm, weil die Verteilung dieser Anpassung moralische Fragen aufwirft. Wer trägt höhere Heizkosten? Welche Unternehmen können Belastungen weitergeben? Welche Haushalte brauchen Unterstützung? Welche Investitionen sollten beschleunigt werden? Das sind legitime politische Entscheidungen. Aber sie dürfen nicht mit der Behauptung verwechselt werden, man habe die zugrunde liegende Knappheit beseitigt.
Auch Epikur hilft an dieser Stelle. Sein Denken wird oft fälschlich auf Genuss reduziert. Tatsächlich geht es bei ihm stark um die vernünftige Begrenzung von Bedürfnissen und um Unabhängigkeit von unnötigen Ängsten. Übertragen auf eine Wohlstandsgesellschaft lautet die Frage: Wie abhängig machen wir unser gutes Leben von ständig wachsender Verfügbarkeit billiger Ressourcen? Resilienz entsteht nicht nur dadurch, mehr zu besitzen, sondern auch dadurch, Abhängigkeiten zu verstehen und Spielräume zu schaffen.
Das führt direkt zur Vermögensplanung. Viele Anleger wünschen sich ein Portfolio, das jede Krise vermeidet: keine Kursverluste, keinen Kaufkraftverlust, keine Schwankung, keine unangenehme Überraschung. Ein solches Portfolio existiert nicht. Die philosophisch reifere Aufgabe besteht darin, Unsicherheit nicht abzuschaffen, sondern so mit ihr umzugehen, dass sie nicht die eigene Handlungsfähigkeit zerstört.
Die Stoa würde sagen: Wir kontrollieren nicht den Ölpreis, den nächsten Zentralbankbeschluss oder den Ausgang eines geopolitischen Konflikts. Wir kontrollieren aber, ob unser Vermögen von einer einzigen Annahme abhängt. Wir kontrollieren, wie viel Liquidität wir vorhalten, wie breit wir diversifizieren, wie viel Risiko wir tragen können und ob wir in einer Krise gezwungen sind, gegen unsere eigene langfristige Strategie zu handeln.
Genau darin treffen sich Philosophie und Vermögensarchitektur. Gute Struktur ist eine Form praktischer Demut. Sie sagt nicht: „Ich weiß, was passieren wird.“ Sie sagt: „Ich weiß, dass ich es nicht vollständig wissen kann – und richte mein Handeln darauf aus.“
Das ist das Gegenteil von Fatalismus. Demut gegenüber Unsicherheit bedeutet nicht, nichts zu tun. Sie bedeutet, die richtigen Dinge zu tun: robuste Systeme schaffen, Reserven halten, Alternativen offenlassen, Konzentrationen vermeiden und Entscheidungen nicht von der Illusion perfekter Kontrolle abhängig machen.
Vielleicht ist das die tiefere Lehre dieser Woche. Zentralbanken können Erwartungen beeinflussen. Regierungen können Rahmenbedingungen setzen. Unternehmen können investieren. Menschen können ihr Verhalten ändern. Aber kein Akteur besitzt einen Hebel, der reale Knappheit einfach verschwinden lässt.
Vernünftiges Handeln beginnt nicht mit der Frage, welchen Hebel wir betätigen können. Es beginnt mit der Frage, welcher Teil der Wirklichkeit sich durch diesen Hebel überhaupt verändern lässt.